Wartezimmer – Elternanalyse

Es gibt verschiedene Typen von Eltern und am besten lernt man sie im Wartezimmer des Kinderarztes kennen, denn dort sind sie alle, wirklich alle, auf 12 Quadratmetern zu finden.
Man sieht die Mütter, die Angst haben, dass man ihr Baby sehen könnte. Sie verhängen die Babyschale mit einem Mulltuch und wenn neue Eltern das Wartezimmer betreten, wird die Babyschale ganz schnell und eng an den Körper gezogen. Oder Mütter, die ihren Kindern das Plastikspielzeug aus der Kiste im Wartezimmer wütend entreißen, weil ihr Kind nur mit pädagogisch wertvollem Holzspielzeug spielen darf.
Diesen Müttern sitzt ein Vater gegenüber, der keine Zeit hat. Er blickt ständig auf sein Handy und schnaubt laut „Ich hatte um 11 Uhr einen Termin„. Wenn man dann selbst mal einen flüchtigen Blick auf die Uhr wirft, stellt man fest, dass es 11.01 Uhr ist. Nicht einmal 10 Sekunden später springt er auf und läuft wutentbrannt zur Rezeption und beschwert sich um 11.01 und 10 Sekunden, dass er und sein Sohn noch nicht an der Reihe sind. Für die Arzthelferinnen wohl nichts neues, denn sie erklären ihm in aller Seelenruhe, dass er in den nächsten 10 Minuten aufgerufen wird. Und als er dann sogar früher aufgerufen wird, blickt er theatralisch die wartenden Eltern im Wartezimmer an und sagt „Wurde ja auch Zeit„.
Neben diesem Vater sitzt eine Mutter, die ihre Lebensgeschichte loswerden will. Es sind taktisch kluge Mütter. Sie sind ruhig und schauen einen freundlich an. Wenn man dann den Fehler macht und zurück lächelt, schlagen sie zu und zwar mit einer unscheinbaren Frage wie zum Beispiel „Wie alt ist denn ihr Kleiner„. Und wenn man dann antwortet, was man natürlich macht, weil man höflich ist, dann haben sie einen in ihren Fängen. Diese Mutter erzählt dann ohne Punkt und Komma von ihrem Leben, von der Geburt des Kindes, sie beschwert sich über die Kinderarzt-Versorgung in der Stadt und auch über die Höhe der Hundesteuer, sie beschreibt die Symptomatik ihres erkrankten Kindes – das nebenbei erwähnt, eigentlich ganz gesund wirkt. Man kann nur beten, dass man selbst oder diese Frau als nächstes von den Arzthelferinnen aufgerufen wird.
Und als diese Frau ihre Lebensgeschichte für den heutigen Tag losgeworden ist, mir die Ohren bluten und die Arzthelferin mich gerettet hat, indem sie diese Frau und ihr Kind aufrief, habe ich wieder Zeit mich im Wartezimmer nach weiteren Elterntypen umzuschauen.
Und da hätte ich fast einen Typen übersehen. Eltern die höflich grüßend das Wartezimmer betreten und sich während der Wartezeit mit ihrem Kind beschäftigen. Sie lesen ihrem Nachwuchs vor, schauen aus dem Fenster oder spielen mit ihnen, sogar mit dem Plastikspielzeug aus dem Wartezimmer. Wenn sie aufgerufen werden, räumen sie das Spielzeug wieder auf und verlassen das Wartezimmer mit einem „Auf Wiedersehen„.
Ich blicke auf die Uhr – 11.30 Uhr. Pupsbohne und ich sind mittlerweile alleine im Wartezimmer. Ich stelle fest, dass es so alleine ohne all die verschiedenen Elterntypen ganz schön langweilig im Wartezimmer ist und bin froh als die Arzthelferin uns zu unserem Termin aufruft. Wir sind schon gespannt, welche weiteren Typen wir bei unserer nächsten Wartezimmer-Runde kennenlernen dürfen.

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Ein Kommentar zu „Wartezimmer – Elternanalyse

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